Montag, 02. März 2026

“Mein Opa hat schon stark gesoffen“

Ulrike Ebert Wenski (links) und Jaboris Rätz 

#WirWerdenSichtbar – Veranstaltung zum Thema Kinder aus suchtbelasteten Familien

Kaiserslautern. Im Rahmen der bundesweiten COA-Aktion #WirwerdenSichtbar hat der Arbeitskreis Sucht Kaiserslautern am 26. Februar ins Mehrgenerationen des Caritas-Zentrums Kaiserslautern eingeladen – zu einem Abend der Informationen und des Austauschs über die Auswirkungen auf Kinder, die mit alkoholsüchtigen Eltern aufwachsen.

Wie sehr Alkohol die Familie belasten kann und wie stark er sich auf das eigene Leben auswirkt, weiß Janboris Ann-Kathrin Rätz (49) aus Mainz, bekannt durch die Moderation beim SWR, nur zu gut. Eine persönliche Lebensgeschichte, die im Mittelpunkt der Veranstaltung stand. Rätz definiert sich als trans non binäre Person und wählt daher für sich statt der gängigen Pronomen geschlechtsneutrale (er/sie = dey, ihn/ihr = dem, sein/ihr = deren, ihm/ihr = denen).

„Alkohol war in unserer Familie allgegenwärtig. Mein Opa hat schon stark gesoffen, und bei meinen Eltern ging es weit über ein, zwei Gläschen zum Feierabend hinaus. Drei Flaschen Wein waren selbst für meine Mutter nichts Besonderes“, blickt Rätz zurück. Die Auswirkungen waren drastisch. „Wir haben in einem Reihenhaus gewohnt, wo meine Geschwister und ich uns ein Zimmer teilen mussten. Wenn bei meinen Eltern unten im Wohnzimmer die Fetzen flogen, haben wir es natürlich hautnah mitbekommen.“ Die Folgen der Alkoholexzesse bekamen die Kinder auch am eigenen Leib zu spüren. „Es gab verschiedene Eskalationsstufen. Mal wurden wir mit der Hand geschlagen, mal mit einem roten Stöckchen. Ganz schlimm war ein Waschmaschinenschlauch.“

„Gab es denn gar keinen, der euch Kinder unterstützt hat?“, kommt eine Frage aus dem Plenum. „Die einzige Bezugsperson war meine Oma in Baden-Württemberg. Sie war sehr fromm und hat keinen Alkohol getrunken. Aber sie ist gestorben als ich gerade neun war.“ „Was hättet ihr damals gebraucht?“, möchte ein Gast wissen. Die Antwort kommt prompt: „Strukturen, die früh hätten erkennen müssen, was sich bei uns zuhause abgespielt hat. Aber da war nichts und niemand.“ Dass keiner die blauen Flecken angesprochen hat, noch nicht einmal im Sportunterricht, versteht Janboris bis heute nicht. „Sie wurden irgendwie total ignoriert.“ Auch die Eltern hätten am nächsten Tag so getan, als sei nichts passiert.

„Wir Kinder haben versucht, uns so zu verhalten, dass es nicht zur Eskalation kommt.“ Eine selbst auferlegte Verantwortung, die Rätz und seine drei Geschwister überfordert. „Ich frage mich, wie Alkohol in den 80er Jahren so normal sein konnte, dass keiner etwas gesagt hat. Selbst dann nicht, wenn unsere Eltern sich auf Familienfeiern volllaufen ließen und anschließend mit uns im Auto nach Hause gefahren sind.“

Janboris habe schon als Kind gespürt, dass etwas nicht stimmt, nicht nur in der Familie, sondern auch innerlich. „Ich hatte das Gefühl, verrückt zu sein. Ich dachte, wenn ich nicht so bin, wie andere es wollen, bin ich nichts wert. Mit 14 bin ich in die Co-Abhängigkeit geraten, habe selbst angefangen Alkohol zu trinken, zusammen mit meinen Eltern am Tisch. Ich habe gemerkt, dass mir der Alkohol ein gutes Gefühl gibt. Weil er eine betäubende Wirkung hatte und ich plötzlich dazu gehörte. Letztendlich war er nur ein Ventil, alles zu ertragen.“

Dennoch schlägt Janboris einen erfolgreichen Weg ein, bringt heute 25 Jahre Fernseherfahrung mit, hatte lange die Moderation von SWR aktuell. Der Alkohol bleibt 30 Jahre ein Begleiter, bis es im zweiten Lockdown der Corona-Pandemie zur großen Wende kommt. „Ich saß zuhause und habe mir die dritte Flasche Wein aufgemacht. Wer bin ich eigentlich und was mache ich da, dachte ich plötzlich. Ich verhalte mich ja wie meine Mutter, saufe meinen Frust weg. In dem Moment habe ich beschlossen, das Muster zu durchbrechen.“

Janboris holt sich Hilfe bei der Hausärztin und hat das große Glück, über die Krankenkasse zeitnah einen Therapieplatz zu bekommen. „Nachdem ich mit dem Trinken aufgehört hatte, kam erst mal das große Loch. Aber durch das Nüchternsein hat sich der Schleier, der meine Gefühle verhüllt hat, gehoben. Mit Hilfe der Therapie habe ich endlich meine Identität gefunden. Mir wurde klar, dass ich authentisch leben will, als trans non binäre Person, die sich nicht länger verstecken und in keine Schublade stecken lassen will“, sagt Janboris und erklärt, was es mit den Begriffen auf sich hat. „Trans bedeutet, dass das gefühlte Geschlecht nicht dem bei der Geburt zugeordneten entspricht. Non binäre Personen befinden sich entweder in der Mitte zwischen männlich und weiblich oder ganz losgelöst davon. Ich bin einfach nur Janboris. Mein Geschlecht hat erstmal nichts mit meiner Sexualität zu tun.“ Den Namen Ann-Kathrin hat Rätz sich zusätzlich im Rahmen des Selbstbestimmungsgesetzes zugelegt. „Ihn hatte meine Mutter für mich vorgesehen, in der irrtümlichen Annahme, dass sie ein Mädchen zur Welt bringt.“

Der Weg zur Identitätsfindung war schwierig und lang. Doch Janboris hat ihn geschafft. „Ich bin heute auf den Tag genau fünf Jahre und 54 Tage alkohol- und rauchfrei und weiß endlich, wer ich bin und was ich will“, sagt Rätz an diesem Abend und drückte seine Persönlichkeit mit Jeans, Stöckelschuhen, Ohrringen und Make up aus. Queere Signale, die dey mit lackierten Fingernägeln schon beim SWR sendete und dafür Zuschauerkritik einstecken musste. „Heute erreichen mich auf Instagram regelrechte Hasskommentare. Manche lassen mich kalt, andere zeige ich an und stelle Strafantrag. Eine Verurteilung gab es schon.“

Ganz anders in der katholischen Gemeinde, in der sich Rätz engagiert. „Hier war mein Outing kein Problem, auch wenn manche komisch gucken. Als ich angekündigt habe, als queere Person in den Gottesdienst zu kommen, sagte der Pfarrer ,Ich freu mich darauf‘. Die Kirche gibt mir einen spirituellen Rahmen, auch wenn ich mit vielem nicht einverstanden bin, was die Institution angeht.“

Hilfe und Strukturen, die Janboris in seiner Kindheit vermissen musste, gibt es mittlerweile in vielerlei Hinsicht. Wie nötig sie sind, verdeutlichten Ulrike Ebert-Wenski, Suchtberaterin beim Caritas-Zentrum und Christoph Einig von der Suchtberatung der Diakonie auch anhand von Zahlen. Demnach wächst mindestens jedes fünfte Kind in Deutschland mit einem suchtkranken Elternteil auf. Schätzungsweise sechs Millionen Erwachsene sind in suchtbelasteten Familien groß geworden. Viele Kinder leiden unter Vernachlässigung und Gewalt, bekommen zu wenig Aufmerksamkeit und müssen früh Verantwortung übernehmen. All das hinterlässt seelische Spuren, die das Leben prägen und birgt das Risiko, selbst alkoholsüchtig zu werden.

Jutta Falkenstein wies auf Angebote von KipsE (Koordination Kinder psychisch und suchtbelasteter Eltern) hin, die betroffene Kinder in den Mittelpunkt rücken. Die Sozialdezernentin der Stadt, Anja Pfeiffer, sagte, dass für das früher stiefmütterlich behandelte Thema der Blick geschärft worden und es in der Gesellschaft angekommen sei.

„Mir ist es ein Anliegen, dass entsprechende Gelder in den Regionen ankommen“, sagte Nina Roth vom Landesamt für Jugend, Soziales und Versorgung, zu dessen Arbeitsbereichen auch die Suchtprävention zählt. Sie lud die Gäste der Veranstaltung dazu ein, mit freiem Blick auf das Thema zu schauen und mit manchen Bildern aufzuräumen.

Auch Janboris sieht heute manches anders. „Meine Eltern sind beide tot. Wir konnten vorher noch vieles besprechen, dadurch hat sich emotional einiges geklärt. Ich habe mittlerweile erkannt, dass sie selbst in Mustern gefangen waren und dass Bindungen nicht logisch sein müssen. Liebe ist ein Ort, an dem Liebe und Schmerz gemeinsam wohnen.“

Dey habe die Kurve gekriegt, sich nicht nur persönlich, sondern auch beruflich neu aufgestellt. „Ich habe mich selbständig gemacht mit Workshops, Vorträgen, Moderation von Veranstaltungen und Kleinkunst. Ich habe meine Identität gefunden und bin froh, auch wenn es kein einfacher Prozess war.“

 

INFO:
Dem Arbeitskreis Sucht KL gehören das Caritas-Zentrum Kaiserslautern, die Diakonie Pfalz, die Jugend- und Drogenberatung Release und die Stadt und Koordination KipsE an.

 

Text und Fotos: Friederike Jung für den Caritasverband für die Diözese Speyer